Tempo, Tempo!

Oder Die Mähr vom untertretenden Hinterbein, dem Körperschwerpunkt        und der Versammlung.

Nagelt mich nicht darauf fest, denn die nun folgende Angabe ist geschätzt. Sie beruht auf ca. 15 Jahren praktischer Erfahrung mit Reitern und Pferden alle Rassen und Klassen. Rund 80% der Reiter, die zum ersten Mal meinen Unterricht besuchen oder an einem meiner Kurse teilnehmen, sind mit ihrem Pferd zu schnell unterwegs. Was im Schritt vielleicht nicht sofort auffällt, wird spätestens im Trab deutlich: Das gewählte Arbeitstempo ist zu hoch und daraus resultierend kommt es zu einer ganzen Reihe negativer Konsequenzen: Eine zu hohe Spannung im Muskeltonus, zu geringe oder gar keine Losgelassenheit, ein verkürzt vortretendes Hinterbein (aufgrund der mangelnden Losgelassenheit des Rückens), ein zu hochfrequenter Takt, hölzerne und unelegante Gänge, steife Hälse, breit tretende Hinterbeine, deutliche Schräglage auf den gebogenen Linien und nach außen wegschwimmende Hinterhände in den Ecken sind nur einige dieser Negativfolgen.

 

Wenn ich dann rate, dieses Arbeitstempo zunächst einmal etwas zu entschleunigen, bekommen die Reiter, denen ich den Vorschlag unterbreitet habe fast alle den gleichen Gesichtsausdruck (ungläubiges Stirnrunzeln mit einem Hauch Verachtung im Blick) und mir fliegt folgende entrüstete Antwort entgegen: „ Echt??? Langsamer??? Aber ich muss das Hinterbein aktivieren, damit es weit unter den Schwerpunkt tritt. Sonst läuft mein Pferd doch auf der Vorhand!!“ Ab dieser Stelle schlage ich mir dann jedesmal imaginär mit der flachen Hand an die Stirn – nicht wegen der Reiter oder der Antwort – sondern weil man diesen Reitern eine Handlungsanweisung gegeben hat, ohne sie in einen vernünftigen Kontext zu setzen und Halbwahrheiten sind ja bekanntlich oftmals die gefährlichsten.

 

Die Aussage: „Wenn das Hinterbein weit und unter den Körper tritt, beginnt das Pferd sich selbst zu tragen (beginnende Versammlung) und der Körperschwerpunkt verlagert sich von der Vorhand weg in Richtung  Hinterhand“ ist aus dem Zusammenhang gerissen und so schlichtweg falsch. Der komplette Zusammenhang wird den Reitschülern allerdings nur äußerst selten erklärt und als Ergebnis dieser verbreiteten Halbwahrheit, treiben Land auf Land ab Menschen ihre Pferde wie verrückt nach vorne, ohne zu ahnen, wie sinnlos und nachteilig das für die Ausbildung und Gesundheit ihres Pferdes ist.

 

Die Wahl des richtigen Arbeitstempos, der für das jeweilige Pferd richtigen Bewegungsgeschwindigkeit, ist eine durchaus knifflige Angelegenheit und ein ganz entscheidender Baustein für  gutes und erfolgreiches Training. Dabei spielen verschiedene Aspekt eine entscheidende Rolle.

  • Der Körperbau des Pferdes und damit verbunden, der Raumgriff (dies ist ganz besonders im Schritt entscheidend, aufgrund seiner Fußfolge).
  • Der Ausbildungsstand des Pferdes und seine Fähigkeit, den eigenen Körper zu koordinieren.
  • Die Balancefähigkeit des Pferdes, also wie versammlungsbereit und -fähig ist es.
  • Wie geradegerichtet ist das Pferd?
  • Auf welcher Linie befinden sich Pferd und Reiter? Gerade oder gebogen?

Es gilt also, viele Faktoren richtig zu beurteilen und sie in die Entscheidung einfließen zu lassen, denn eine falsche Entscheidung, kann nachhaltige Probleme verursachen und einen Trainingsfortschritt schlicht verhindern.

 

Um zu verstehen, warum der oben genannte Satz so nicht stehen bleiben kann, müssen wir ihn in seine Bausteine zerlegen. Pferde sind von Natur aus vorhandlastig konzipiert. Manche mehr, manche weniger. Das ist kein großes Geheimnis und ich denke, darüber besteht Einigkeit. Die These der Tempofraktion ist folgende: Wenn ich als Reiter das Hinterbein meines Pferdes fleißig und weit unter den Körper/seinen Körperschwerpunkt treibe, verringert sich diese Vorhandlastigkeit, denn das Pferd beginnt den Körperschwerpunkt nach hinten zu verlagern und mit der Hinterhand mehr zu tragen.

 

Das Problem dieser Aussage ist, dass hier zwei voneinander völlig unabhängige Dinge in einem Atemzug genannt und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Die Fähigkeit des Pferdes, seinen Körperschwerpunkt nach hinten zu verlagern (sich also zu versammeln, vermehrt zu tragen) hat aber nichts mit der Fähigkeit zu tun, große Schritte, Tritte oder Sprünge zu machen.

Die perfekte Erklärung dafür liefert uns  - wie so oft - die Biomechanik. Das vermehrte Treiben, um ein fleißiges und weit untertretendes Hinterbein zu erlangen, erzeugt zunächst nichts anderes als Schub. Betrachten wir einen Rennläufer, der ein möglichst hohes Tempo erreichen möchte. Was tut er? Er verlagert seinen Körperschwerpunkt nach vorne, bringt sich somit in eine vorteilhaftere, weil kraftsparende Position und erzeugt nun mit aller Kraft aus seinen Beinen heraus Geschwindigkeit. Er wird dadurch definitiv schneller, aber er befindet sich nicht mehr im Gleichgewicht und schon gar nicht bringen die schnelleren, großen Schritte seinen Körperschwerpunkt nach hinten. Im Gegenteil. Schub erzeugt Vorlast. Das kann jeder an sich selbst ausprobieren.

 

Beim Pferd passiert genau das Gleiche. Vom Reiter durch treibende Hilfen dazu aufgefordert, erzeugen die Hinterbeine mehr Schub, der Körperschwerpunkt wird also weiter nach vorn verlagert. Es passiert genau das, was man eigentlich vermeiden wollte: das Pferd wird noch vorhandlastiger. Und ab einem gewissen Grad wird jeder neue Tritt oder Sprung immer hektischer, kürzer und spanniger, weil das Pferd seinem eigenen Gleichgweicht hinterher eilt. Ähnlich einem Menschen der stolpert. Auch er muss schnelle flache Ausfallschritte machen um nicht auf die Nase zu stürzen. Das letztendliche Hinfallen verhindert der Stolpernde übrigens nur dadurch, dass er sein Tempo abfängt und sich im Oberkörper aufrichtet, seinen Körperschwerpunkt also wieder nach hinten verlagert.

 

Aber zurück zum Pferd. Das unverhältnismäßige Schieben hat noch weitere Nachteile: Die Form des Fußungsbogens der Hinterbeine verändert sich. Jedes Hinterbein hat während einer Fußungsphase unterschiedliche Funktionen: es schiebt, fußt ab, führt vor, fusst auf, stützt, schiebt, fußt ab, etc. etc. Dies sieht dann in etwa so aus:

Alleiniges Treiben um des Vorwärts Willen, betont und verstärkt die Phase des Schiebens. Und nicht, wie die Befürworter des übertriebenen Vorwärts immer glauben, die des Vorführens. Der durch die verstärkte Schubphase veränderte Fussungsbogen sieht dann in etwa so aus:

In Kombination mit dem dadurch nach vorn verlagerten Körperschwerpunkt, verlässt das Pferd verlässt also nun schon an zwei Stellen seinen Rahmen: nach vorne in die Brust und nach hinten heraus mit dem Sprunggelenk. Es wird also länger als es vorher war. Und dies sollte doch eigentlich genau umgekehrt sein. Ein Ziel einer guten Reitpferdeausbildung ist es, das Pferd zu schließen, es also von hinten her kürzer zu machen und nicht, es auseinanderzureiten.

 

Erkennungsmerkmale hierfür sind neben dem Sprunggelenk, das nach hinten heraus arbeitet und dem veränderten Fußungsbogen, auch ein vom höchsten Punkt der Kruppe nach vorn abfallender Rücken und eine eher nach oben arbeitende Beckenschaufel (nach vorne unten wäre korrekt).

 

Wie der aktuelle Stand bei eurem eigenen Pferd ist, könnt ihr übrigens sehr einfach mit einigen Übungen überprüfen. Reitet z. B. Übergänge vom Trab zum Schritt oder vom Trab zum Halten und prüft:

  • Wird das Pferd im Übergang schwerer auf der Hand?
  • Rollt es sich im Übergang vielleicht sogar ein?
  • Braucht es lange, bis es durchparieren kann?
  • Ist der Übergang vom Trab zum Schritt plötzlich und abrupt?
  • Stehen die Vorderbeine im Halten lotrecht zum Boden, oder sind sie rückständig, also unter den Körper geschoben?
  • Könnt ihr im Halten den Zügel hingeben, ohne dass euer Pferd losgeht, oder braucht es den Zügel als Stütze um nicht nach vorne „zu fallen“.
  • Könnt ihr aus dem Halten problemlos und ohne Zügeleinsatz Rückwärtsrichten?

Wenn ihr einige dieser Fragen mit „ja“ beantwortet, dann ist die Ursache stets die gleiche: das Pferd ist aus dem Gleichgewicht geraten (geritten worden?).

 

Es gibt einen weiteren Grund, warum die isolierte Forderung nach einem aktiven, weit untertretenden Hinterbein fatale Folgen haben kann: der dafür notwenige Raum ist nicht in entsprechendem Maße vorhanden. Durch den vermehrten Schub, verlagert das Pferd nachteilig Körpergewicht in Richtung Vorhand, d. h. diese wird schwerer. Dadurch verlangsamt sich die Mechanik der Vorderbeine, denn alles was schwerer ist, wird auch langsamer, schließlich muss nun mehr Last/Gewicht bewegt werden. Das bedeutet, die Vorderbeine kommen nicht so schnell vom Boden weg, wie sie eigentlich sollten. Auch wenn es sich hierbei nur um Bruchteile von Sekunden handelt, so entsteht doch ein Problem, denn wenn nun zeitgleich die Hinterbeine raumgreifend nach vorn schwingen, ist dort schlicht kein Platz um Aufzufußen, weil die Vorderbeine noch nicht, oder nicht ausreichend abgefußt haben.

 

Das Pferd hat nun drei Möglichkeiten:

  1. Es greift sich mit den Hinterbeinen. (Manche stoßen auch nur mit der Zehe des Hinterhufs unter die Sohle des Vorderhufs.) Dies passiert eigentlich nur ein paar mal, dann sucht das schlaue Pferd eine andere Möglichkeit, schließlich will es sich nicht selbst Schmerzen zufügen oder verletzen.
  2. Es tritt mit den Hinterbeinen breiter, um so an den Vorderbeinen vorbei zu kommen.
  3. Es nimmt die Hinterhand entweder deutlicher nach rechts oder nach links, wird also schiefer, und schafft sich so mehr Platz zum Auffußen.

Alle drei Varianten sind negativ, blockieren oder verhindern erfolgreiches Training und sind im schlimmsten Fall stark gesundheitsschädigend. Dies alles sind hausgemachte Problem durch ein zu hohes Tempo.

 

So geht es also nicht.

 

Aber wie geht’s denn nun?  Indem man Tempo und Balance in einem ständigen Dialog betrachtet. Und in dem man sich die Biomechanik und die Funktion des Rumpfes vor Augen führt:

Der Rumpf ist quasi ein Aufzug zwischen den Schulterblättern des Pferdes. Die richtigen Übungen im richtigen Tempo bringen diesen Aufzug nach oben (Entlastung der Vorhand, Beginnende Versammlung),  falsche Ausführungen und falsches Tempo lassen ihn abstürzen (übermäßige Vorhandlastigkeit, Trageerschöpfung).

 

Ist der Brustkorb auf dem Weg nach oben, dann und erst DANN kann das Tempo angemessen und in entsprechender Dosis erhöht werden. Nun hat erstens das Hinterbein genügend Platz um weiter vorzutreten - und zwar schmal vorzutreten. Zweitens bringt ein etwas weiter vortretendes Hinterbein das Pferd nun auch nicht mehr aus der Balance, weil das Pferd tatsächlich das Hinterbein UNTER sich FÜHRT und somit auch im Lot bleibt. Auch der Fußungsbogen bleibt hierbei gleichmäßig erhalten. Voraussetzung hierfür ist allerdings, ein der Balance entsprechend, angemessen verbesserter Raumgriff, denn wie es mit der Balance nun einmal so ist, sie kann auch ganz schnell wieder verloren gehen.

 

Entscheidend für dieses Gelingen ist auch, dass das Pferd das Prinzip der halben Parade verstanden hat und diese körperlich umsetzen kann. Es muss in der Lage sein, die Frage des Schenkels nach etwas mehr vorwärts und die Frage des Sitzes nach einem Verbleiben im Gleichgewicht gleichzeitig beantworten zu können. Dazu sind unterschiedliche Fähigkeiten im Pferdekörper notwendig.

  • Die Fähigkeit den Rumpf anzuheben,
  • eine freie Beweglichkeit im Rücken, denn dieser wölbt sich etwas auf,
  • eine starke Muskelkette der Unterlinie („Bauchmuskeln“)
  • ein frei bewegliches Becken, eine uneingeschränkte Schulterfreiheit,
  • die Fähigkeit und die Möglichkeit den Hals frei zu nutzen, zu balancieren und das Genick anzuheben.

All diese Fähigkeiten entwickelt das Pferd im Laufe seiner Ausbildung. Und mit diesen Fähigkeiten entwickelt sich auch die Fähigkeit des Pferdes sein Arbeitstempo steigern zu können, ohne, dass daraus Nachteile entstehen.

 

Die Entwicklung des richtigen Arbeitstempos ist ein Prozess, der sich dem Ausbildungsverlauf anpassen und dem viel Achtsamkeit geschenkt werden sollte. Das richtige, individuelle Tempo eines Pferdes kann mit 4 Jahren ein durchaus anderes sein, als es das mit 7 Jahren ist. Manche Pferde entwickeln sich schneller und leichter, manche weniger schnell. Hier spielt z.B. der Körperbau, die Neigung und das Talent eine große Rolle.

 

Die Frage nach dem richtigen Arbeitstempos ist also weitaus mehr, als nur die Frage danach, wie aktiv das Hinterbein ist. Es geht vielmehr darum zu erfühlen, wie viel Tempo verkraftet mein Pferd ohne dabei aus der Balance zu kippen. Dies kann, je nach Ausbildungstand auf der Geraden etwas fleißiger sein, als auf der gebogenen Linie, denn dort wirken zusätzliche Kräfte auf den Pferdekörper, die die Balance empfindlich stören können.

 

Das Arbeitstempo sollte auch stets nur so hoch angesetzt sein, dass man als Reiter jederzeit in der Lage ist, mit sanften Hilfen sein Pferd zur nächst niedrigeren Gangart oder einem niedrigeren Tempo innerhalb einer Gangart zurück zu führen. Denn genau wird nicht funktionieren, wenn das Pferd aus dem Gleichgewicht geraten ist. Denken wir dazu noch einmal an einen Läufer im Startblock: Nach der Phase der Beschleunigung, richtet er sich nach und nach im Oberkörper auf und dann rennt er schnell weiter, aber mit aufgerichteterem Oberkörper. Er würde nicht in der vorlastigen Position verharren, ist aber in der Lage, sie selbständig zu verbessern. Für diese Aufrichtung braucht er Kraft und Koordination. Ein Baby, das gerade laufen lernt, hat weder die Koordination noch die Muskeln, die ihm die benötigte Stabilität und Kraft geben. Wenn es zu schnell ist und das Gleichgewicht verliert, fällt es unweigerlich hin. Ein Grund vielleicht, warum ihnen so oft „mach langsam“ nachgerufen wird – weil es etwas langsamer zu Beginn eben doch mehr Sinn macht.

 

Wenn wir unsere Pferde reiten, sie longieren oder anderweitig vom Boden aus trainieren, so liegt es in unserem Entscheidungsbereich, in welchem Tempo dieses Training stattfinden soll. Diese Entscheidung ist von immenser Wichtigkeit und sollte aufgrund von vielen Faktoren getroffen, stets überprüft und unmittelbar angepasst oder geändert werden, wenn sich diese Faktoren ändern. Ich möchte euch dazu aufrufen, alles was ihr mit euren Pferden macht in einem Kontext zu betrachten, denn nichts kann isoliert für sich funktionieren. Die Hinterbeine rein auf ihren Fleiß hin zu bewerten wäre kurzsichtig und eindimensional.

 

Und nein, damit sage ich nicht, dass alle Pferde wie die Schnecken schleichen sollen, denn reiten ist Sport und Sport hat etwas mit Bewegung und Energie zu tun. Zu bummelig ist genauso von Nachteil, aber das war ja heut nicht das Thema. ;-)

 

Grundsätzlich geht es um folgende Frage: Was macht für euch mehr Sinn: Das Hinterbein unter den Schwerpunkt zu bringen oder den Schwerpunkt über das Hinterbein zu bringen? Ich denke sie beantwortet sich von selbst. Wer nicht in der Lage ist, seinen Körperschwerpunkt bewusst zu verlagern, der kann mit seinen Beinen anstellen was er will, er wird es nie in einen Zustand des Gleichgewichts bringen. Weder Mensch noch Pferd. Es ist also weitaus dienlicher, die Pferde so auszubilden, dass sie befähigt sind ihren Körperschwerpunkt in Richtung Hinterhand zu verlagern, als die Hinterbeine unter einen Schwerpunkt bringen zu wollen, der ja doch zu nah an der Vorhand gelagert ist.

 

In diesem Sinne, lasst es ruhig mal etwas langsamer angehen! ;-)