Eine Paradeübung

 

Wenn man „halbe Parade“ oder „ganze Parade“ in eine Suchmaschine eingibt, erhält man jede Menge Einträge und Artikel. Manche davon sind sehr gut, andere eher „naja“, aber der Einsatz, die Wirkweise und selbstverständlich die korrekte Ausführung einer Parade, scheinen durchaus Themen zu sein, die die Reiter beschäftigt. Was ja eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist, braucht man die halben und ganzen Paraden ja doch sehr häufig beim Reiten.  

 

Mir persönlich war besonders die halbe Parade lange Zeit ein Mysterium. Ich habe zwar die Definitionen alle verstanden, und die technische Ausführung war mir theoretisch auch klar, aber ich hätte meine Versuche auch alle auf einem Gummidelphin machen können – die Ergebnisse wären wohl die gleichen gewesen: nämlich keine. Trotz größter Bemühungen, stellte sich die gewünschte Reaktion beim Pferd einfach nicht ein. Was dann den Durchbruch brachte, war eine wundervolle schwarze Stute, die mein damaliger Chef ausbildete. Wenn der gut gelaunt war, durften wir Auszubildenden nämlich auf den wirklich guten Pferden ein paar Minuten üben, nachdem er sie uns zum Trockenreiten übergeben hatte. Auf diesem hochtalentierten Pferd sollte ich an dem Tag die Kurzkehrtwendung üben, zu deren Einleitung eben auch mit halben Paraden gearbeitet wird. Und plötzlich war es da. Das Gefühl, dass das Pferd sich in seiner Körperhaltung verändert und mir auf meine Hilfengebung (die sicherlich immer noch rudimentär war…) mit seinem Körper antwortet. Und von dem Moment an war alles klar. Erst jetzt hatte ich verstanden worum es bei dem ganzen Paradegereite ging. Und wäre dieses Pferd nicht gewesen, hätte es womöglich noch Jahre gedauert, bis der Groschen gefallen wäre. Rückblickend kann ich sagen, dass nicht eine der üblichen Definitionen dazu beigetragen hat, dass ich es verstanden habe. Nicht weil sie falsch sind, sondern, weil sie recht technisch und nüchtern einen Zustand beschreiben, der gefühlt werden muss um verstanden zu werden. Außerdem ist er auf der einen Seite so viel vielschichtiger, als beschrieben, auf der anderen Seite aber wiederum so schlicht, dass viele Beschreibungen und Erklärungen einfach nur verwirrend sind.

 

Ich möchte daher heute mal den Versuch wagen, das Thema der halben und ganzen Paraden so aufzuschreiben, wie es mir geholfen hätte, es schneller und besser zu verstehen.

 

Beginnen werde ich mit der ganzen Parade, weil sie die einfacherer der beiden ist.

 

Die ganze Parade führt immer und ausschließlich zum Halten.  Um die Hilfengebung und deren Umsetzung logisch zu begreifen, muss man sich nun überlegen, welche biomechanischen Vorgänge im Pferd nötig sind, um aus einer Vorwärtsbewegung zum Halten zu kommen. Dazu muss die Bewegungsenergie des Pferdes verändert/reduziert werden. Aus einer Vorwärtsbewegung, wird ein Stillstand. Das ist der Grund, warum ein Halten aus dem Schritt relativ einfach ist, aus dem Trab schon schwerer und aus dem Galopp eine anspruchsvolle Aufgabe darstellt. Je näher sich Bewegungsenergie und Stillstand sind, umso kürzer ist der Weg dorthin, denn umso geringer ist üblicherweise die notwendige Veränderung des Körperschwerpunktes.

 

Es geht also wie immer um Balance.  Und zwar um Balance in Bewegung. Ich bin ja ein großer Freund von Selbstversuchen und ein kleiner Selbstversuch hilft auch hier, sofort zu verstehen, worum es geht. Sucht euch eine gerade Strecke von ca. 20-30 Metern. Nun lauft ihr los, beschleunigt erst und kommt dann zum Halten. Überprüft dabei die Position eures Oberkörpers. Wo befindet er sich in den unterschiedlichen Phasen? Üblicherweise ist der Oberkörper beim Loslaufen relativ aufrecht. Beim Beschleunigen wird er in Bewegungsrichtung nach vorn verlagert und beim Abbremsen, um zum Halten zu kommen, wird er wieder zurück/in die Aufrichtung geführt. Zusätzlich müsste sich auf dem Weg zum Halten, auch die Länge eurer Schritte verkürzen.

 

Als Gegenversuch testet einmal folgendes: Führt den Oberkörper im Abbremsen nicht zurück in eine aufgerichtete Position, sondern lasst ihn in Bewegungsrichtung vorgelagert. Was passiert nun? Also bei mir wird der Bremsweg um einiges länger, bei euch auch?  Die ganze Sache mit dem Anhalten ist also untrennbar mit dem geschickten Verlagern des Körperschwerpunkts verbunden. Und was für uns gilt, gilt natürlich auch für unsere Pferde. Um Anhalten zu können, muss der Körperschwerpunkt zurück verlagert werden.

 

Was passiert dabei biomechanisch im Pferdekörper? Die Muskelketten der Körperunterseite, wie z. B. die langen und die schrägen Bauchmuskeln und die Lendenmuskeln müssen kontrahieren. Dadurch beginnt sich die Hinterhand zu senken, das Becken kippt leicht nach vorn/unten. Dies ist möglich, da die Muskelketten der Körperoberseite, wie z. B. der lange und der breite Rückenmuskel, und die Kruppenmuskeln dehnfähig, also nicht kontrahiert sind. Gemeinsam mit den Muskelgruppen die den Rumpf halten und anheben, sorgt diese Kombination dazu, dass sich das Pferd im Rücken deutlicher aufwölbt, sich im Rumpf anhebt und dadurch den Körperschwerpunkt nach hinten verlagern kann.

 

Um diese Abläufe im Pferdekörper erfühlen zu können, gibt es eine tolle Übung. Das Rückwärtsrichten in Zeitlupe. Und zwar in Superslowmotion. Dabei muss eins gewährleistet sein: Euer Pferd sollte unbedingt aus dem Halten rückwärts treten, ohne zuvor den Hals runder, kürzer oder tiefer genommen zu haben, sprich, eure Hände dürfen das Pferd nicht nach hinten ziehen. Was wir brauchen ist ein Rückwärtsrichten, das aus dem Rumpf entsteht. Denn dann könnt ihr mit ein bisschen Übung folgendes beobachten/erfühlen: Bevor euer Pferd den ersten Tritt nach hinten setzt, wird es seinen Rumpf auf den Beinen nach hinten wippen.

Die Hilfengebung dazu kommt primär aus eurem Oberkörper und den Oberschenkeln. Ihr zieht die Muskeln der Oberschenkeloberseite nach hinten oben, allerdings ohne, dass sich dabei euer Knie in der Position nach hinten bewegt. Merkt ihr, wie ihr dabei leicht über eure Gesäßknochen nach hinten rollt? Zusätzlich könnt ihr euch vorstellen, es zöge euch jemand am T-Shirt nach hinten.

 

Achtet bei all diesen Hilfen darauf, nicht in Rücklage zu geraten. Es sind hauptsächlich kleine und feine energetische Informationen, die ihr an euer Pferd übermittelt. Im Gegenteil, da sich ja der Rücken des Pferdes anheben soll/muss, wäre ein zu schwere Einsitzen kontraproduktiv. Bleibt deshalb in eurem Sitz unbedingt leicht.

 

Zu Beginn kommt dieses Wippen nach hinten nur einen winzigen Wimpernschlag bevor die Beine sich in Bewegung setzen. Je besser gymnastiziert und ausgebildet euer Pferd ist, umso deutlicher könnt ihr diesen Moment fühlen, oder in der Bodenarbeit sehen. Ein gutes Rückwärtsrichten ist Versammlung im Stehen. Aus dem Halten heraus den Schwerpunkt zurück zu verlagern, hat also fast die gleichen biomechanischen Vorgänge als Ursache, wie aus der Vorwärtbewegung zum Halten zu kommen.

 

Wer sich diese Vorgänge vor Augen hält, für den wird nun auch die Hilfengebung ganz logisch.

 

Die Hilfengebung einer ganzen Parade ist immer das Zusammenspiel von Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen. Und zwar in einer prozentualen Verteilung von 75:23:2. Wie wir im Rückwärtsrichten bereits festgestellt haben, fällt eine aktive Einflussnahme auf Kopf und Hals schon mal grundsätzlich weg, da wir ja den Rumpf beeinflussen müssen. Also ist jede Hilfe, die primär oder dominant über die Zügel gegeben wird falsch.

 

Bevor wir die Hilfengebung zum Halten, also für die ganze Parade, definieren, wollen wir kurz die halbe Parade genauer unter die Lupe nehmen. Dies geht auch relativ schnell, denn wenn wir es mal wörtlich nehmen und die ganze Parade zum Halten führt, so ist die halbe Parade ein halbes Halten. Sie soll in der Vorwärtsbewegung des Pferdes dafür sorgen, dass sich seine Körperhaltung positiv verändert, der Körperschwerpunkt sanft zurückgeführt und somit der Körper in Balance bleibt.  Entweder, weil die benötigte Körperhaltung verloren ging, oder weil eine neue Lektion eine neue Spannkraft im Körper benötigt. Hier sind z. B. die Übergänge zu nennen, der Wechsel von einer geraden auf eine gebogene Linie – oder umgekehrt, oder ein Handwechsel. Vor jeder dieser Übungen sorgt eine, manchmal auch eine kurze Abfolge mehrer halben Paraden dafür, dass das Pferd trotz der veränderten Anforderung in Balance bleibt, nicht auseinander fällt, oder seine Energie bündelt. Die Aussage „die halbe Parade soll das Pferd aufmerksam machen“, mag ich ehrlich gesagt nicht besonders. Sie impliziert, dass mein Pferd eingeschlafen ist und sich mental verabschiedet hat.  Diese Definition zielt auf eine Geisteshaltung ab, wohingegen für mich, die halbe Parade den körperlichen Zustand des Pferdes verändern soll. Nur dann ist sie in meinen Augen sinnvoll angewandt.

 

Da eine ganze Parade das Ergebnis mehrerer halber Paraden ist, ist auch die Hilfengebung der beiden Ausführungen gleich, lediglich die Konsequenz der Anwendung ist unterschiedlich.

 

Wenn du dich mit deinem Pferd im Schritt befindest und eine ganze Parade zum Halten planst, dann denke an die Hilfen, die dir beim Rückwärtsrichten geholfen haben. Während die Bewegungsenergie im Schritt vorwärts fließt und du dieser Energie mit deinen Bewegungen folgst, so beginnst du nun, die Energie in deinem Oberkörper zu konzentrieren und sie in deinen Bauchnabel einzusaugen, wie ein umgekehrter Lichtstrahl. Reagiert dein Pferd auf Deine Hilfe so wie oben beschrieben, entspanne dich kurz und setze für einen kurzen Moment mit der Hilfengebung aus, bevor du mit der nächsten halben Parade beginnst. So belohnst Du Dein Pferd und trennst die einzelnen Schritte deiner Hilfengebung sauber voneinander. Diesen Ablauf wiederholst du so oft, bis dein Pferd zum Halten gekommen ist. Deine Unterschenkel können bei Bedarf dafür sorgen, dass dein Pferd unter dir gerade bleibt, denn besonders jungen Pferden fällt das geschlossene Halten noch schwer und sie treten gerne mit dem rechten oder linken Hinterbein aus der Körperachse heraus. Dies ist aber etwas, das ganz von selbst besser wird, wenn sich die Koordination und die Balance des Pferdes verbessern.  Die Zügel bilden bei alldem höchstens einen Rahmen. Sie arbeiten nie rückwärts und wenn sie die Bewegung des Schrittes abfangen, dann sollte auch das rhythmisch und federnd geschehen.

 

Meine Devise bei der Hilfengebung – egal für welche Übung – lautet immer:

 

Für mich als Reiter: so wenig Aufwand wie möglich

 

Für mein Pferd: so verständlich wie möglich.

 

Das gleichzeitige Geben von Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen, so wie es gerne gefordert wird (z. B.: „Das Pferd wird für einen kurzen Moment durch die treibenden Schenkel-und Gewichtshilfen vermehrt bei aushaltender oder vorsichtig annehmender Zügelhilfe an die Reiterhand heran getrieben.“), führt für mein Verständnis zu gegenläufigen Informationen, die das Pferd eher verwirren und abstumpfen lassen. Man sieht leider zu oft, dass mit den Schenkeln gequetscht und gleichzeitig mit den Zügeln gezogen wird, während ein verkrampftes nach hinten Lehnen das Kreuz-Anspannen darstellen soll. Das Ergebnis ist ein komprimiertes Pferd mit festem Rücken und verkürztem Hals, das seine Eleganz und Leichtigkeit verliert.

 

Das Timing  und die feine Abstimmung der drei Komponenten aufeinander, ist die Kunst der Paraden, wer aber die Gewichtung beachtet, sich auf die Vorgänge im Pferd konzentriert und seine Hilfen als Antwort darauf gibt, läuft kaum Gefahr einen Fehler zu begehen. Wer eine halbe Parade als Dialog zwischen Reiter und Pferd versteht, in dem jeder Satz den nächsten ergibt, ist auf einem sehr erfolgreichen Weg.